Bekannt ist uns linguistischer Ursprung und Zusammenhang von Ausdrücken Kult (= der Gottesdienst) und Kultur (= Schaffen, Gestaltwerden und Pflege des menschlichen geistigen und materiellen Schaffens). Nicht selten - allem voran in antiken Zivilisationen - beides, Kult und Kultur, wurden im Umkreis des Gottesdienstes und im Gottesdienst selbst geschaffen; im späteren Geschichtsablauf verliefen die Verhältnisse mehr oder weniger ausgeprägt Mal in näherer gegenseitiger Verbundenheit, Mal sich voneinander trennend, sich sogar entfernend und entfremdend, manchmal sogar bis zur ausgesprochenen gegenseitigen Gegensätzlichkeit.

Im Passionssingen in Vrbanj (Insel Hvar) - wie auch auf der ganzen Insel und dem breiteren Küstenland und anderen adriatischen Inseln – hat sich seit dem Mittelalter her eine reichlich eigenartige Textur, bzw. eine Ineinanderverflochtenheit von Kult (Gottesdienst) und geistiger Kultur entfaltet. Dabei denken wir an das wunderbar reichhaltige christliche Passionserbe - allem voran im christlichen Mittelmeerraum und –kreis -, das quer durchs ganze Europa wie auch bei uns von der Schönheit dieser Ineinanderverwobenheit zeugt. Diese Textur wurde kraft der gläubigen Seelen und materieller Sakralzeichen und -symbole und anhand einer auf eindrucksvolle und rührende Art und Weise vorgetragenen Vokalgestaltung biblischer wie auch alter überlieferter Liturgietexte der Karwoche geschaffen. Neben der Stadt Hvar, dann Stari Grad, Vrboska und Jelsa, hebt sich auch die Ortschaft Vrbanj durch die Durchdrungenheit dieser “beiden” Ausdrücke, nämlich Kult und Kultur, hervor. Aber im Unterschied zu jenen vier erwähnten Städtchen auf der Insel Hvar - ihrem urbanen und historisch-künstlerischen Erbe nach passt allen der Begriff Stadt gut zu - ist Vrbanj eine ausgesprochen landwirtschaftliche Ortschaft. Und gerade als solche hat dieser Ort das Erbe erwähnter Textur auf eigenartige Art und Weise bewahrt, so dass man sagen könnte, das Volkspassionssingen in Vrbanj sei traditionsgemäß besser aufrechterhalten und im gewissen Sinne auch origineller.

Die Schönheit und Ausdruckskraft einer solchen Textur wird seit Jahrhunderten von den Bewohnern - in der Regel sind das die Insel Hvar Katholiken -, aber auch von vielen anderen, bewundert. Man hat wahrgenommen, dass auf dieser Insel ein solches Passionssingen und -schaffen bestens erhalten und immer noch lebendig ist. Daher haben mit Recht unsere Ethnologen und Musikwissenschaftler diesem geistigen Reichtum auf der Insel Hvar eine besondere Aufmerksamkeit gewidmet, angefangen mit A. I. Caric, dem eifrigen Sammler von Volksbräuchen gegen Ende des 19. Jahrhunderts, dann dem zwischen den beiden Welkriegen tätigen Komponisten und Musikwissenschaftler Bernardin Sokol, bis auf den immer noch aktiven Komponisten und Liedersammler Ljupce Stipišic, um nur die wichtigsten zu erwähnen. Diesen bereits erwähnten schließt sich nun Herr Miki Bratanic an, der nicht nur ein Liebhaber des Passionserbes von Vrbanj (und Hvar), sondern auch dessen eifriger Pfleger und engagierter Musiktonaufnehmer und Herausgeber ist.

Unter den uns bekannten Sammlern und Tonaufnehmern der Passionsgesänge auf der Insel Hvar ist diese vorliegende Auswahl der Volksgesänge besonders wertvoll. Herr M. Bratanic hat eine gute Wahl getroffen, nur ein Modell der Gesänge vorzustellen, nämlich den Passionsgottesdienst (den liturgischen wie auch den volkstümlichen) der drei abschließenden Tage der Karwoche nur in einem Ort, nämlich Vrbanj. Daher ist er in der getroffenen Bearbeitung ziemlich vollständig. Mehr noch, dieser Tonträger beinhaltet nämlich neben den schon aufgenommenen und veröffentlichten Gesängen auch solche noch nirgends publizierte Aufzeichnungen. Daher kommt uns dieser Tonträger wie eine wertvolle Tonaufnahme von Passionsinhalten entgegen.

Hier haben wir vor uns auch solche Gesänge, die nicht mehr auf dem Spielplan von kirchlichen Volkssängern sind. Die Schuld an diesem Verlust trägt größtenteils auch die falsch verstandene und durchgesetzte Liturgieerneuerung der Karwoche nach den Normen des Zweiten vatikanischen Konzils mit, in der es bekanntermaßen zu beträchtlichen und gewichtigen Textveränderungen kam. Dieser Verlust, manchmal sogar bis zu totalem Vergessen und Unkenntlichkeit, geschah noch mehr im Anlauf neuer unkritisch gewerteter und übernommener Lieder und Gesänge. Die Kirchenchorleiter nach dem Zweiten Vatikanum - keine echten Musiker, sondern nicht selten in der Musik bloß Angelernte - haben den jahrhundertlangen Wert der Volkskantadure unterschätzt und nicht verstanden, das musikalische Erbe und den Reichtum des “Alten” in richtiger Weise zu verwerten.

Allerdings nicht alles Alte ist zugleich unentbehrlich und wertvoll. Nicht selten stoßen wir auf weniger wertvolle, ja sogar wertlose Spuren in diesem Erbe, aber vom Passionserbe der Insel Hvar kann man mit gutem Grund sagen, um sich eines Ausdrucks aus dem Evangelium zu bedienen: “Das Alte ist gut!” (vgl. Lk 5,39). Gerade darin liegt der Wert dieser Tonaufnahme vom Herrn M. Bratanic. Sechsundzwanzig Volksweisen - so viele trägt diese außerordentlich wertvolle CD-Aufnahme - ist die erste vollständige Sammlung der Passionsweisen einer Pfarrei auf der Insel Hvar. Erwähnenswert dabei ist, dass der langjährige Pfarrer von Vrbanj auch selber ein hervorragender Sänger, Hochw. Branimir Marinovic, ein tief ausgeprägtes Gefühl für das Bewahren und die Wertschätzung gesamter musikalischer wie auch anderer Kulturtradition hat.
Der besondere Wert dieser CD-Aufnahme liegt auch darin, dass dieser Tonträger nicht nur Psalmen mit Antiphonen, Propheten- und Evangelienabschnitte umfasst, die auch heute nach der neuen Gottesdienstordnung der Karwoche zum Bestandteil der Gottesdienste gehören, sondern schließt buchstäblich auch all jene liturgischen Inhalte der tatsächlich großen und heiligen Tage der Karwoche ein, die einst Bestandteil der Liturgie waren, bisher aber auf keinem Tonträger aufgezeichnet worden sind. In der Bearbeitung vom Herrn Bratanic wurde auch das Archaische des gesamten Liturgiegeschehens beibehalten, dazu auch freilich die alte Liturgiesprache, in der sich mit einem Gespür fürs “Alte” auch der Bibelwissenschaftler und Übersetzer der Heiligen Schrift P. Petar Vlašic OFM auszudrücken verstand. Dieser Bibelwissenschaftler hat es verstanden, allem voran jenen Zusammenhang zwischen der Sprache des Kultes und der Sprachkultur in unserem Kulturkreis zu verwirklichen und wird deshalb wie eine poetische und gesungene Sprache bewertet und empfunden.

Abschließend kann man sagen, auf diesem Tonträger haben wir vor uns eine ethnomusikalische Aufnahme, in der klar die Ineinanderverwobenheit von Kult (Gottesdienst) und Lokalkultur zum Ausdruck kommt. Mit all dem bereichert diese CD-Aufnahme wirklich den Fonds unseres Passionserbes und man soll seine tiefe Zufriedenheit anlässlich der Herausgabe dieses hochwertigen Tonträgers zum Ausdruck bringen.

fra Bernardin Škunca